Lucie Geffray / Rudolf Strobl

13-12-2012 – 4-1-2013

 

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  • Lucie Geffray / Rudolf Strobl

    13-12-2012 – 4-1-2013

     

    Der Faltenwurf ist mehr als der rührselige Versuch, ein wenig Drama in langweilige Stilleben zu bringen, antike Plastiken aufzupimpen, oder fleißigen Malern ein Mitarbeitsplus  zu erteilen – das tut er vielleicht auch – aber in erster Linie ist die Geschichte des Faltenwurfs eine Geschichte der Lust, die die Vorfreude auf eine aufgeschobenen Entschleierung atmet, sei das nun die nackte Wahrheit oder ein weiblicher Busen.

    Der Faltenwurf schafft auf simple Art und Weise den Spagat zwischen den Momenten  Illusion und Erkenntnis, sowie Einheit und Diversität.   Er trägt Aspekte der Gegenüberstellung von Innen und Außen, Abbildung und Räumlichkeit  in sich, welche in Rudolf Strobls Arbeit gedoppelt werden durch die  formale Inszenierung eines sich kräuselnden Vorhangs innerhalb eines klaren, gestrengen Rahmens und die Reduzierung des Vorhangs auf eine Fläche.

    Der Status eines Abgebildeten als in sich geschlossene, autarke  Ganzheit und dessen Vermittlung spiegeln sich in der Eigenschaft des Fensters, Öffnung, Aussicht und Bestandsaufnahme zu sein, wieder, wobei das jeweils Abgebildete per se in eine seltsame Ferne zu rücken scheint, eine Kontraktion innerhalb natürlich- kontinuierlicher Zusammenhänge.

    Diese Bruchlinien zwischen den verschiedenen Formen der Realitätsverschleierung und –Entschleierung, führen zu dem Facettenreichtum, aus der die Arbeit speist. Der Aufschub des Entpackens, diese verheißungsvolle Vorfreude trifft auf den Charme jener Orte, an  denen man krank wird, oder hinkommt, wenn man es bereits ist. Das Licht wird aus seiner vormaligen Bedeutung numinosen Ausrinnens, göttlichen Smegmas befreit und überführt in eine Sterilität, die sich beliebig an- und ausknipsen lässt.

    Wenn Klein-Rudi aus dem Fenster schaute und womöglich auf blühende Orangenhaine im klirrend kalten Winter hoffend, doch immer wieder auf die gleiche Häuserfront gegenüber der Wohnung seiner Eltern sah, war er vielleicht ein wenig enttäuscht und gleichzeitig beruhigt.  Hinter diesem plattgedrückten Vorhang ist kein Orangenbaum und keine Häuserfront, kein gegenüberliegendes Ufer, sondern rein gar nichts. Rudolf Strobl hat sich mit seiner Fenster-Installation ans Unendliche gewagt und es auf geschätzte 40 cm gebracht.

    Dieser Isolationsalbtraum, der weder die lustvolle Angst, dass da hinter dem Vorhang etwas lauern möge, was man besser nicht zu Gesicht bekommt, schürt, noch das menschliche Bedürfnis nach Realitätsflucht, ja nicht mal das noch viel menschlichere Bedürfnis nach Realitätskontrolle befriedigt, scheint den externen Fluchtweg in die nach außen projizierte mentale Weite ebenso wenig wie die interne Rückkehr häuslichen Abgeschiedenseins zu erlauben.

    Wenn referenzielle Anschlüsse weitreichend lahmgelegt werden, besteht eine Aussicht in  der Huldigung des Dings selbst, eine Internalisierung  von Bedeutungsvielfalt, hier in Form einer Poetisierung eines Alltagsgegenstandes.

    Auch Lucie Geffray, deren Arbeit als Auseinandersetzung und Antwort auf die vorhergehende konzipiert wurde, verfolgt die Strategie der Nobilitierung des Gebrauchsgegenstands, jedoch weniger auf formal- ästhetischer, als auf funktional- elementarer Ebene, und verleiht ihm eine weitere, soziale Dimension sowie existenziell- materielle Dringlichkeit:  das Arrangement kostengünstiger Alltagsgegenstände (Zimmerpflanze, Schubkarre, Isolierstein und Wasserschlauch) –  ein Szenario, das benachbarten Heimwerkern und proletarisch- emanzipierten Freizeitaktivisten bekannt sein dürfte –  und ihr  Zusammenspiel (verdampfende Wassertropfen) besticht gerade darin, dem ontologischen Status  von Gebrauchsartikeln auf denkbar gradlinigstem Wege, nämlich in ihrer reinen Funktionalität nachzuspüren und gerade durch diese Affirmation in Frage zu stellen.

    Der Begriff des Elementaren entäußerst sich entlang den Fluchtlinien seiner vielfachen Bedeutungsdimension: als Zugrundeliegendes, Essentielles einerseits, als Simples, Einfaches andererseits, weiters als dingliche Kategorie autarken Abgeschiedenseins, und nicht zuletzt im ursprünglich materiellen Sinne.

    Was ist das, was hier seinen Aggregatszustand ändert? Naturphilosophische Fragen der Herkunft (arché) und der Verwirklichung potenziell verfügbarer Energie (dynamis – energeia), mithin das gespannte Verhältnis zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, finden in Schrebergartenkönigs Szenario ihren Wiedergänger am unteren Ende der sozialen Stufenleiter.

    Durch den Kontrast von Statik und Dynamik, die Konfrontation fixierter Gefüge stiller Übereinkunft mit  Phänomenen der Flüchtigkeit und Transformation, Planbarkeit und Atmosphäre, wird ein Spielraum aufgebrochen, der sich zwischen der Unerbittlichkeit, mit der Luftwiderstand, Oberflächenspannung und Fallgeschwindigkeit einen Wassertropfen  zu Boden fallen lassen und der Assoziation mit der trägen Schwüle  eines  tropischen Regenwalds aufspannt.

    Dieser Spielraum ist eine freundschaftliche Liaison von Abgeklärtheit und Verklärung und trägt der Erkenntnis des Alltagsessentialisten Rechnung, dass dem scheinbar so Einfachen eine Pluralität inhäriert, und dass diese eine stets entschwindende, ein flüchtiges Kondensat von Bedeutung sei.

    Die Adelung profaner Gegenstände ist  weniger bescheiden als sehnsuchtsvoll zu nennen ist  und  lässt diese mehr zu selbstständigen Emanationen, denn zu Reflexionen spezifischer Betrachtung werden, ihnen eine spezifische Form von Autonomie zugestehend.

     

    Melissa Blau, 2012

     

    Fotos: Rudolf Strobl